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Aufsatz zum Thema "Traum" für Herrn Lippmann

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Er presste seinen Rücken an die Wand und versuchte seinen Puls wieder unter Kontrolle zu bringen. Er atmete so laut, dass er befürchten musste, sie könnten ihn entdecken.
Die letzten Stunden hatte er keine ruhige Minute gehabt und er hoffte nun, dass er wenigstens ein paar Augenblicke verschnaufen konnte. Viel Zeit würde ihm nicht bleiben, er hatte sich ausgerechnet den Ort zum Ausruhen ausgesucht, von dem man sofort ausgehen würde, dass er dorthin geflohen war. Zwischen dem Eingangstor und ihm befand sich zwar eine Stahlwand, doch sie hatten Nachtsichtgeräte und Infrarotkameras womit es ihnen sehr leicht fallen würde, ihn in dieser Halle zu finden. Und selbst die scheinbar sichere Wand, die sie dann noch trennte würde ihm nicht den Hauch einer Chance bieten, denn ihre Waffen waren durchschlagskräftig genug um ihm durch die Wand hindurch die Seele auszuhauchen.
Einige Stunden zuvor hatte er seine Frau noch angefleht, mit ihm zu kommen, sie war naiv genug, um an die scheinbar vorhandene Gerechtigkeit zu glauben. Sie würden ihm nichts tun hatte sie gemeint, sie würden keinerlei Beweise haben, noch hätte er genug Zeit, den Datenträger verschwinden zu lassen.
Sie hatte auf sein Drängen nicht reagiert und er musste eine Entscheidung treffen. Er hatte die Falsche getroffen, denn er hätte sie niemals alleine lassen dürfen. Entweder sie beide wären entkommen oder sie beide müssten sterben. Und er hatte sie alleine gelassen. Nun war er es, der alleine war, sie war vermutlich schon seit Stunden tot und ihm blieb nichts anderes als der gottverdammte Datenträger mit seinem Traum.
Wenn er Glück hatte war er wenigstens dazu gut, um einem von ihnen damit die Kehle durchzuschneiden, aber er schätzte, dass er dazu zu stumpf an den Kanten war und auch das hätte keinen Unterschied gemacht, sie waren mindestens zwanzig an der Zahl und schwer bewaffnet mit Unterstützung modernster Technik.
Früher war die Halle ein Fabrikgebäude gewesen, gegen Anfang des 21. Jahrhunderts wurde sie aufgegeben und seit einigen Jahrzehnten galt sie als Einsturz gefährdet. Dennoch kamen ab und zu Jugendliche hierher um sich zu betrinken und heimlich gegen das System zu demonstrieren. Und immer öfter kamen Einheiten von ihnen und nahmen sie fest oder erschossen sie an Ort und Stelle, wenn sie Waffen bei ihnen entdeckten.
Als er 2231 geboren wurde hatten sie alle noch die Hoffnung, dass sich doch noch alles zum Guten wenden würde, er hatte seine Eltern oft gefragt, warum so schlimme Dinge passieren, aber sie sagten ihm immer nur, das einzige, was jetzt noch helfen würde, sei beten.
Heute war jedem klar, dass das erhoffte Ende nicht kommen würde, sie alle steckten mitten drin und nur ein Wunder würde ihnen jetzt noch helfen – auf dieses Wunder allerdings wagte keiner mehr zu hoffen, sie alle waren schon zu abgestumpft und am Ende ihre Kräfte.
Auch er hatte die Hoffnung längst aufgegeben und er beneidete die wenigen Jugendlichen die sich zu diesen Zeiten noch trafen und glaubten etwas unternehmen zu können. Vielleicht wussten sie, dass sie nichts ausrichten konnten und früher oder später gefasst würden, aber allein der Glaube an das Ende vermochte ihnen die Kraft zu geben sich aufzulehnen.
Er selbst gehörte jedoch mittlerweile zu denjenigen, die nichts mehr unternahmen, ja nicht mal daran dachten in ihrem tiefsten Inneren. Seit sie soweit waren in großem Maße Teile der Gedanken auszulesen wagten kaum noch Leute an Widerstand zu denken. Um keinen Preis auffallen hieß es seit dem – denn wer auffiel, der durfte schon bald Besuch erwarten von einigen mehr oder weniger netten Herren in schwarzen Anzügen. Keiner wusste, ob es überhaupt Menschen waren da niemals jemand ihr Gesicht gesehen hatte und niemand irgendeinen von ihnen kannte, was aber vielleicht auch daran lag, dass so gut wie keiner, der ihnen begegnete, den nächsten Sonnenaufgang erlebte – und die, die überlebten schwiegen sich aus.
Die totale Überwachung hatten sie schon lange gehabt, aber früher hatten sie wenigstens noch ihre eigenen Gedanken – und wenn das nichts half oder keinen Trost spendete, dann zogen sich viele in ihre Träume zurück. Bis auch das schließlich von ihnen eingeschränkt wurde. Anfangs nur testweise an öffentlichen Plätzen bis sie genug Erfahrungen darin gesammelt und die Technik perfektioniert hatten.
Heute konnten sie jeden Tag und Nacht überwachen lassen und zwar auch in seinen Gedanken. Die Gruppe der Verschwundenen vermehrte sich seit dem sehr schnell und jeder musste befürchten, dass er demnächst auch überwacht werden würde.
Noch war es sehr aufwändig mit dieser Art der Überwachung und man konnte sie nur bei Einzelfällen durchführen, weswegen sie nur bei einem konkreten Verdacht angewendet wurde, jedoch war die Schwelle zwischen verdächtig und vermeintlich unschuldig nicht sehr groß und man konnte nur noch hoffen, dass die Technik sich nicht so schnell weiterentwickeln würde, bis die ultimative Überwachung aller Einwohner bis hin zu ihren tiefsten Träumen möglich sein würde.
Bis dahin konnten sie nur die Köpfe einziehen und sich unauffällig verhalten. Er hatte jedoch den Fehler gemacht und hatte war in der Sperrzeit noch draußen durch die Stadt gelaufen als er einen Unfall mit seinem Wagen gehabt hatte. Als sie ihn in der Nacht aufgegriffen hatten, versuchte er ihnen vergeblich zu erklären, dass er sich nur deswegen noch im Freien aufgehalten hatte wegen einem Autounfall, aber sie hörten ihm gar nicht zu und brachten ihn sofort weg um ihn einzuschüchtern. Sie verhörten ihn ein paar Stunden und vergaßen ihn anschließend ein paar Tage lang in einer Zelle bevor sie ihn gehen ließen. In einem Aktenvermerk hieß es offiziell, dass man ihm nichts nachweisen konnte, aber man hatte ihn nur dabehalten um ihn einzuschüchtern, was ihnen teilweise auch gelang.
Sein Auto war in der Zwischenzeit gestohlen worden was ihn auch wenig verwunderte. Abgeschlossen hatte er es nicht und es ist in einem Abschnitt stehen geblieben, in dem es kaum Kameras und selten Streifen gab. Und kaum heißt in diesem Fall gar keine und selten heißt höchstes zufällig.
Ihn verärgerte es nicht einmal mehr da er innerlich schon fast mit seinem Leben abgeschlossen hatte, als er in Todesangst mehrere Nächte in der kalten, dunkel Kellerzelle gewesen war, hatte er keine ruhige Minute mehr gehabt, in seinen Alpträumen kehrte immer wieder die Schwarze Legion zu ihm zurück, völlig geräuschlos und unbemerkt standen sie plötzlich in seinem Schlafzimmer vor seinem Bett und ehe er überhaupt etwas sagen konnte, erschossen sie seine Frau und zogen ihm eine dunkle Tüte über den Kopf. Völlige Dunkelheit und absolute Stille umgab ihn und er realisierte nicht, was mit ihm geschah und wohin sie ihn brachten. Als ihm die Tüte abgenommen wurde fand er sich in einem dunklen Keller wieder und er sah vor sich den Tyrannen stehen, der ihn diabolisch angrinste und ansetzte, zu ihm etwas zu sagen. Er hörte dem Tyrannen nicht zu, stattdessen schwirrten die letzten Bilder durch seinen Kopf, die er wahrgenommen hatte, als er noch ein Leben gehabt hatte. Die schwarze Legion hatte völlig ohne Grund seine Frau ermordet, sie hatte sie noch gar nicht realisiert sondern tief und fest geschlafen aber sie hatten einfach ihre Salven ins Bett gefeuert und ihn anschließend verschleppt. Die Chancen standen für ihn nicht besonders hoch, dass er noch lebend den Keller verlassen würde, aber plötzlich waren ihm seine Fesseln abgenommen worden und er hatte ein Messer in der Hand. Ohne zu zögern rannte er los und stach auf den Tyrannen ein.
Dann wachte er auf, jedes Mal kurz bevor er den ersten Stich gemacht hatte. Es war ein sonderbarer Traum, nicht nur, dass er jede Nacht wiederkehrte sondern auch, dass er erst zu diesem Zeitpunkt aufwachte. Ihm blieb sein Herz jedes Mal stehen, als er den ohrenbetäubenden Lärm der drei oder vier Maschinenpistolen hörte, die erbarmungslos auf seine Frau feuerten, er sah sie an, wie sie ­– immer noch schlafend – fast in zwei Hälften gerissen wurde und wie er schließlich unter der Tüte steckte. Seine Todesangst und seine Wut waren größer als alles, was er bisher erlebt hatte, aber er wachte nicht auf. Auch nicht, als er das alles zum zweiten Mal vor seinem inneren Auge erlebte, er hörte die Schüsse und sah ihr friedliches Gesicht, das keine Mine verzog als wäre es glücklich darüber, endlich aus der Diktatur befreit zu sein. Doch er wachte nicht auf. Erst als er fast das Messer in die Brust des Tyrannen gerammt hatte fand er sich schweißgebadet in seinem Bett wieder mit rasendem Puls und glühendem Kopf.
Doch in der letzten Nacht war er später aufgewacht. Er konnte sein Vorhaben ausführen und tötete den Tyrannen mit zwanzig Stichen. Als er sah, wie der Tyrann zu Boden sank und seine Brust blutüberströmt war, wachte er auf und merkte an dem Hochfrequenz Ton, dass etwas nicht stimmte. Auf der Stelle rannte er zum Fenster und sah den schwarzen Transporter.
Langsam fuhr er durch die Straße, seine Scheinwerfer waren ausgeschaltet, aber in dieser klaren Nacht konnte man ihn deutlich erkennen. Sie hatten ihn. In wenigen Augenblicken würde sich das Fahrzeug und Bewegung setzen und in die Zentrale fahren. Sie konnten keine großen Datenmengen per Funk oder Satellit übertragen, ihre Datenträger bewahrten sie noch auf konventionelle Art und Weise auf und übergaben sie am Ende ihrer Route den schwarzen Beamten. In der darauf folgenden Nacht würden wieder einige der Schwarzen Legionen zuschlagen.
Es war ein Ärgernis, dass die Außeneinheiten noch nicht so unabhängig waren wie es vielleicht notwendig war, aber ihre Sattelitennetze waren noch lange nicht so gut ausgebaut, dass sie solche riesigen Datenmengen unterstützen würden. Die mobilen Einheiten konnten ihre verbale Kommunikation darüber führen, jedoch waren die gesammelten Daten die aufgezeichnet wurden bei einem ihrer Einsätze astronomisch und mussten in ihrer Zentrale von Supercomputern mit über zwei Milliarden Teraflops ausgewertet werden – da mobile Einheiten niemals eine solche Rechenleistung aufbringen könnten ging viel Zeit verloren durch das konventionelle Transportieren der gesammelten Daten, die mit modernen Satteliten vielleicht gespart werden könnte, doch schon gegen Anfang des 21. Jahrhunderts musste man den Gedanken akzeptieren, dass Sattelitennetze niemals die herkömmlichen Kabel ersetzen könnten. Jährlich stiegen die Datenumsätze exponentiell an und selbst wenn man die Netze nur für militärische Zwecke nutzen würde, hätten die Kapazitäten niemals gereicht. Somit waren die Satteliten zum Weltraumschrott verdammt und seit Beginn der Diktatur wurde nicht halb so viel Geld in die Erneuerung gesteckt wie in die Forschung und Erforschung neuer Überwachungstechnologien.
Da er davon ausgehen konnte, dass sie ihn beobachtet und vermutlich Fragmente seines Traumes ausgelesen hatten musste er sich ihre Datenträger beschaffen. Wenn sie die Aufzeichnungen über seinen Traum abliefern würden, wäre das sein sicheres Todesurteil.
Er bemerkte, dass der Transporter seine Scheinwerfer wieder eingeschaltet hatte und der Fahrer wohl im Begriff war, loszufahren.
Seine Frau wachte auf und drehte sich zu ihm um.
"Stanley, wo willst du hin" fragte sie ihn völlig verschlafen als sie merkte, dass er durch das Fenster klettern wollte.
"Schlaf weiter, ich bin gleich zurück."
"Stanley…"
Er wusste nicht, ob sie einfach nur zu müde war oder bereits ahnte, dass es dringend war, aber sie sagte nichts mehr sondern seufzte nur bevor sie sich wieder umdrehte und weiterschlief. Sie hätte wohl anders reagiert, wenn sie ihn wirklich hätte abhalten wollen mitten in der Nacht aus dem ersten Stock zu springen.
"Ich bin gleich zurück".
Er machte einen Satz aus dem Fenster und landete zwei Meter tiefer hart auf seinen Füßen. Ein stechender Schmerz schoss sein Bein hoch und er sank augenblicklich auf die Knie weil seine Beine versagten, aber er ignorierte ihn. Er musste den Transporter erreichen, bevor sie davonfahren konnten. Langsam nahm er an Fahrt zu.
Stanley rannte durch den Garten und jagte dem schwarzen Fahrzeug hinterher. Sie schienen ihn bemerkt zu haben, denn plötzlich gab der Fahrer Gas und Stanley hatte Mühe, mit ihm Schritt zu halten, aber im letzten Moment schnappte er nach dem Türgriff und riss die Seitentür auf. Mit einem Satz stand er im Fahrzeug und erblickte einen Techniker. Er war nicht besonders groß und sah nicht gerade aus wie ein fürchtenswertes Mitglied der Schwarzen Legion, er hatte rötliches Haar und war unheimlich blass im Gesicht, dafür hatte er tiefe grüne Augen, die vor Unschuld fast hervorstachen. Er sah zwar nicht besonders sympathisch aus und gehörte wohl eher zu der Sorte Menschen, die den Kontakt zu Mitmenschen scheuten, aber zum Fürchten war er nicht sondern schien vielmehr ziemlich zerbrechlich und leicht einzuschüchtern zu sein. Eigentlich hatte Stanley erwartet, dass in diesem Fahrzeug auch Männer in schwarzen Anzügen und Masken sitzen würden, schon allein damit sie selber das richtige Gefühl dafür bekamen, wenn sie während ihrem Einsatz das Leben von mehreren Personen zerstören würden.
Er merkte wie der Techniker nach einer kleinen Pistole griff und er machte einen Satz nach vorne. Mit großer Mühe versuchte der Techniker gegen Stanleys Kraft anzukommen, aber es gelang ihm nicht. Schließlich riss er ihm die Pistole aus der Hand und schleuderte ihn gegen den Tisch mit Geräten. Als der Techniker bewusstlos zu Boden sank weil er anscheinend mit dem Hinterkopf irgendwo angestoßen war, bremste das Fahrzeug urplötzlich ab. Der Fahrer des Transporters hatte wohl den Lärm gehört und war misstrauisch geworden. Er wollte gerade ins Handschuhfach greifen als der erste Schuss ertönte und das Glas, das die Fahrerkabine vom hinteren Teil abtrennte, zersprang. Stanley hatte seinen Arm getroffen.
Laut aufheulend wollte sich der Fahrer ducken, aber die zweite Kugel verfehlte nicht mehr ihr Ziel und er sackte lautlos zusammen.
Stanley musste nach dem Datenträger nicht lange suchen, er fand ihn schon katalogisiert und beschriftet mit den Worten
"Überwachung #D-38-M-95
Name: S. Miller
10/22/2263".
Er nahm den Datenträger an sich und verließ dann den Transporter. Ohne Nachzudenken rannte er zurück zum Haus und weckte seine Frau.
"Stanley?"
"Du musst mitkommen. Sofort."
"Was ist denn passiert?"
"Wir haben keine Zeit, wir müssen hier sofort weg."
Erst jetzt hatte er realisiert, dass seine Kurzschlussreaktion ihn nur noch mehr hereingeritten hatte, überall waren Kameras installiert und er hatte vermutlich jede Menge Fingerabdrücke hinterlassen – falls diese überhaupt noch gebraucht wurden.
"Was hast du getan?"
Seine Frau stand plötzlich auf und starrte ihn an.
"Wir haben keine Zeit…"
Er schätzte, dass es höchstens eine Stunde dauern würde, bis sie hier sein würden, bis dahin müssten sie die überwachte Zone verlassen haben und geflüchtet sein.

Wie hatte er sie nur alleine lassen können, er war einfach gegangen. Vielleicht wollte er ihr nicht die Strapazen und die Angst einer Flucht antun, vielleicht hatte er gehofft, dass sie ihr einen schnellen und schmerzlosen Tod bereiten würden. Wenn er erfahren würde, dass sie nun im Gefängnis saß und gefoltert werden würde, dann würde er es nicht ertragen.
In der Ferne hörte er Stimmen und Schreie. Die Schwarze Legion schien es anscheinend nicht nötig zu haben ihr Kommen geheim zu halten, sie waren sich wahrscheinlich zu sicher, dass sie mit ihrer modernen Ausrüstung Stanley in kürzester Zeit ausfindig gemacht haben würden.
Und ihre Maschinengewehre im Anschlag verrieten auch, was sie dann vorhaben würden.
Stanley schnappte nach Luft und rannte aus dem gegenüberliegenden Ausgang ins Freie. Die Fabrikhallen standen mitten im Wald, der Zugang mit Fahrzeugen war ziemlich schwer, da die Wege mit der Zeit verrottet waren. Dies war der einzige Vorteil, den Stanley hatte – oder besser gesagt dies bot ihm den Hauch einer Chance. Die Schwarze Legion, die ihn jagte war so gezwungen ihn zu Fuß zu verfolgen und konnte nicht mit Fahrzeugen anrücken. Ein weiterer glücklicher Umstand war, dass man ihn wohl nicht für einen so großen und wichtigen Fisch hielt, weswegen man nicht Hubschraubern und mehr Männern einsetzte, aber wie Stanley schätzte würde auch das ihm nicht helfen, noch einen Tag lebendig zu überstehen.
Im schwachen Mondlicht betrachtete der den Datenträger, der ihm das alles eingebrockt hatte. Wenn er es sich recht überlegte war es vollkommen unnötig, ihn erst zu stehlen, bevor er die Flucht ergriffen hatte. Eventuell hätte er anderenfalls noch einen oder mehrere Tage Zeit gehabt seine Flucht zu planen und seine Frau mitzunehmen. So war seine Frau vermutlich tot oder zum Tode verdammt und er hatte einige schwerwiegende Straftaten begangen. Gewaltsames Eindringen in Staatseigentum, Entwendung von Beweismaterial, Widersetzung der Festnahme und – wohl das schlimmste auf der Liste – der zweifache Mord an staatlichen Dienern. Und nun blieb ihm nichts mehr als der Datenträger mit dem vernichtenden Traum, den er seit fast vierundzwanzig Stunden mit sich herumtrug. Er brach ihn in zwei Teile und rannte weiter.
In demselben Augenblick sah er die ersten Sonnenstrahlen bis zu ihm durchdringen, er hatte es geschafft, bis zum Morgen durchzuhalten. Der morgendliche Herbstnebel brach die schwachen Strahlen und der Anblick, der sich Stanley bot war atemberaubend. Die wenigen Strahlen, die durch die dicht verzweigten Äste hindurch kamen stellten eine unglaublich schöne Kulisse dar und verwandelten den dunkel Wald in ein rötlich schimmerndes Theater. Er nahm seine Umwelt gar nicht mehr wahr und realisierte auch nicht, als ihn die erste Kugel traf. Schon lange hatte Stanley nicht mehr etwas so Wunderbares erlebt und allein dieser Anblick gab ließ ihn vergessen, weswegen er hier stand. Im Grunde genommen war ihm schon seit seiner Flucht aus seinem Haus klar, dass er keinerlei Chance hatte und er suchte wohl nur nach einem guten Zeitpunkt zu sterben.
Er spürte nur ein warmes Gefühl in seiner Brust, das sich langsam in eine Hitze verwandelte. Die Kugeln flogen durch seinen Körper hindurch wie ein heißes Messer durch Butter, aber er ignorierte den Schmerz. Langsam wurde alles um ihn herum dunkel und schwarz und die ersten rötlichen, schwachen Sonnenstrahlen wurden immer heller und entwickelten sich zu einem gleißenden Weiß. Stanley war sich sicher, dass er tot war. Damit hatte er seinen letzten Traum zu Ende geträumt.

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